Anzahl der Aufrufe: 4138 Die Wolkenkratzer Österreich · Tirol


Diese Tour bewerten Tour erstellt am 23.04.2010

Informationen zur Tour

In den Stubaier Alpen stehen die höchsten Gipfel Österreichs. Eine hochalpine Tour führt zu Timmelsjoch & Co.

Sie strotzen geradezu vor Dreitausendern und werden zu den attraktivsten Berggruppen der Ostalpen gerechnet: die Stubaier Alpen. Ihre Grenzen setzen im Osten das Sill-Tal mit der Brennerstraße und im Westen das Ötztal, an dessen Ende der Aufstieg zum Timmelsjoch wartet. Und dazwischen tummeln sich jede Menge vergletscherter Gipfel, die alle die 3.000er-Marke locker überschreiten. Ein Bilderbuchgebirge also. Für uns Motorradfahrer ist jedoch eine andere Tatsache von Interesse: Die gesamten Stubaier Alpen lassen sich nämlich auf einer Tagestour bequem umrunden. Eine Tour, die einige der höchsten Stubai-Gipfel mitnimmt und auch sonst mit motorradfahrerischen Highlights extrem verschwenderisch umgeht. Also auf zu den Wolkenkratzern.

Zum Einstieg in die Tour eignet sich der gleich am Beginn des Ötztales liegende Ort Oetz sehr gut. Er ist von Osten und Westen über das Inntal schnell und bequem zu erreichen. Statt der Autobahn empfiehlt es sich übrigens, die parallel dazu verlaufende Bundesstraße Nummer 171 zu nehmen. Ihre zahlreichen Kurven und reizvollen Ausblicke sind bereits ein erster Appetitanreger auf die Stubaier-Gipfelrunde.

Von der 171 biegt die 186 ins Ötztal hinein und führt direkt nach Oetz. In der Ortsmitte weist ein Schild nach links in Richtung Kühtai, und sofort werfen sich die ersten Serpentinen vors Vorderrad. Eng und kurvig erklimmt die Straße die Ostflanke des Ötztales und überrascht mit weiten Ausblicken hinab ins Inntal. Die Verkehrsdichte tendiert gegen null. Logisch. Denn wer außer kurvensüchtigen Motorradfahrern nimmt schon den Kühtai-Sattel als Übergang vom Ötztal nach Innsbruck? Wo es doch im Inntal die Autobahn gibt. Na, uns soll es jedenfalls recht sein.

Die Räder holpern über eine malerische Holzbrücke, danach folgen einige sanft geschwungene Kilometer am Lauf eines Gebirgsbaches entlang. Die Ruhe vor dem Sturm. Denn jetzt kündigt ein Schild sechs aufeinanderfolgende Serpentinen an. Da kommt Freude auf. Das Schild hält sein Versprechen und präsentiert uns eine traumhafte Kehrenkombination auf ebenem, griffigem Belag. Ein Stück geradeaus, noch eine Handvoll Serpentinen, dann rollen wir durch das Hochtal des Kühtai.

Der Name dieses abgeschiedenen Fleckchens Erde kommt von dem Wort Kuhweide, denn das alte Wort Tai ist der Begriff für Weide. Wer nun in Ruhe eine kurze Pause machen will, kann sich am rechter Hand auftauchenden Langental-Speichersee auf eine der Bänke setzen und die Aussicht über das Wasser genießen. Die Ruhe hier oben ist grandios und wird nur durch das ferne Gebimmel von Kuhglocken unterbrochen. Wem eher nach einem warmen Getränk ist, der muss noch eine kurze Strecke bis zum 1.967 Meter hohen Kühtai-Sattel weiterfahren. Dort wartet die Sonnenterrasse der Dortmunder Hütte auf Besuch. Man bestellt einen Milchkaffee, den „Café mélange“, reckt die Glieder und denkt: Kühtai – find ich gut.

Bereits vom Sattel aus bietet sich nach Osten ein tiefer Blick ins nächste Tal. Die Straße schlängelt sich weithin sichtbar am Faltenwurf der Bergflanke entlang. Als Mixtur aus geraden und gekrümmten Etappen geht sie dem Sellraintal allmählich auf den Grund. Sellraintal – so heißt diese Region, in der die Uhren langsamer gehen als drüben im betriebsamen Inntal. Verschnaufen, den Alltag vergessen, Stille tanken. Das alles funktioniert hier hervorragend. Das Sellraintal ist eines von vielen Seitentälern, die immer wieder in die Stubaier Alpen hineinragen und für ausgezeichnete Sightseeing-Routen sorgen. Früher nannte man das Tal respektlos die „Waschküche Innsbrucks“. Denn die Bewohner des Sellraintales verdienten sich in den harten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg ein kleines Zubrot, indem sie die Wäsche der besseren Innsbrucker Gesellschaft wuschen.

Kurz vor dem Ort Kematen folgen wir nach rechts dem Schild Axams. Eine Vorzeigeserpentine, ein paar Kurven, und dann rollen wir durch das hübsche Dorf Axams. Dort geht es weiter in Richtung Götzens und Natters. Die Straße verläuft schräg am Hang entlang und gibt einen schönen Blick auf das Inntal frei. In Mutters weist ein Schild nach Natters. Dort wirds ein wenig kompliziert: In der Ortsmitte zuerst in Richtung Krankenhaus abbiegen, danach zweigt ein Fahrweg zum Wandergebiet Natterer Boden ab. Es geht ein Stück durch tiefen Wald. Verkehrt? Nein. Denn irgendwann taucht an einer Lichtung das Gasthaus Natterer Boden auf, der ultimative Pausentipp für diese Tour. Wenn die Sonne scheint, setzt man sich draußen auf die Terrasse, bei kühler Witterung wartet ein urgemütlicher, ganz in Holz gehaltener Schankraum. Hier regiert Gottfried, der Sohn der Familie Albert. Was er an Tiroler Köstlichkeiten auf den Tisch bringt, ist wirklich phantastisch. Die Zutaten liefern Bauernhöfe der Region, das Fleisch stammt aus eigener Haltung. Die Empfehlung im Natterer Boden heißt Blutwurstgröschtl oder Knödelteller. Wer auf Süßes steht, sollte hingegen den Brombeerschmarrn versuchen. Hinterher gibt es dann einen Gebrannten vom Bauern nebenan.

Der nun folgende Abschnitt auf der alten Brennerstraße kommt dem vollen Magen gerade recht. Schwingt sich doch diese vor über 2.000 Jahren von den Römern angelegte Route eher gemächlich zum Brennerpass hinauf. Dabei streift sie alte Straßendörfer, denen man den Reichtum vergangener Epochen immer noch ansieht. Seine Position als meistbefahrener und wichtigster Alpenübergang hat der Brenner seiner geringen Höhe zu verdanken. Mit 1.374 Metern unterbietet er alle anderen über den Alpenhauptkamm führenden Pässe. Nirgendwo anders ist ein solcher niedriger Einschnitt in diese Gebirgsbarriere zu finden.

Erster optischer Höhepunkt auf der Fahrt in Richtung Brenner ist die Europabrücke. 1963 fertiggestellt, überspannt das 800 Meter lange und 190 Meter hohe Bauwerk in imponierender Weise die Sillschlucht. Den Kopf im Nacken, rollen wir unter einer der höchsten Pfeilerbrücken der Welt hindurch. Der erste größere Ort an der Brennerstraße heißt Matrei. Das Städtchen mit seinen 3.500 Einwohnern gefällt durch seine von wunderschönen Lüftlmalereien und Wirtshausschildern gesäumte Haupstraße. Matrei ist die älteste Siedlung des Tales und diente früher als Warenumschlagplatz. Die Güter wurden in den Lauben der Häuser am Markt gelagert und für den Weitertransport fertiggemacht.

Je höher sich die alte Trasse dem Pass entgegenschiebt, desto deutlicher treten die Auswirkungen der Brenner-Autobahn zu Tage. 1968 vollendet, nahm sie den meisten Wirten und Ladenbesitzern des Tales die Geschäftsgrundlage. Die Masse der Urlauber donnert im Eilzugtempo über die Autobahn, nur noch wenige Reisende nehmen die zeitraubende, aber schönere Strecke entlang dem Flüsschen Sill. Aus Orten wie Steinach oder Gries ziehen die Menschen weg, die alte Infrastruktur geht vollkommen baden.

Einen ähnlichen Eindruck gewinnt man nach dem Passieren der seit 1919 geltenden Grenze. Das Dorf Brenner ist im Prinzip ein einziger gigantischer Verschiebe-Bahnhof, der alte Kurort Brennerbad nur noch ein Schatten seiner selbst. Aber was hilft es? Am Brenner hat der Fortschritt den Menschen eben besiegt.

16 Kilometer lang führt der Abstieg durch das Eisacktal nach Sterzing. Immer noch eine ruhige Angelegenheit, ab und zu jedoch durch ein paar Kehren und Serpentinen gewürzt. Dann kommt Sterzing in Sicht. Ein kurzer Stopp, vielleicht auf eine Pasta oder Pizza, ist angebracht. Denn Sterzing verfügt über ein komplett erhaltenes historisches Stadtbild. Man schlendert ein wenig durch die Haupt- und Geschäftsstraße des Städtchens, wirft einen Blick auf seine bunten Fassaden und genießt ganz einfach diese Mixtur aus italienischem Lebensstil und österreichischer Architektur.

Nach so vielen Kilometern genüsslichen Dahinrollens wird es nun Zeit für das eine oder andere Kurvenabenteuer. Das eine, das finden wir sofort auf den nächsten Kilometern mit der Überquerung des Jaufenpasses. Das andere, das folgt unmittelbar darauf mit der Besteigung des Timmelsjochs. Dieser Doppelschlag Jaufen/Timmelsjoch ist ein wirkliches Motorraderlebnis der Sonderklasse und stellt im gesamten Alpenraum etwas Besonderes dar. Grenzenloses Kurvenvergnügen, gefolgt von Muskelkater am nächsten Tag. Je nach Trainingsstand.

Die Auf- und Abfahrt zum 2.094 Meter hohen Jaufenpass ist ein Cocktail aus Kurven jeglichen Kalibers sowie steiler, schmaler Fahrbahn. Alles klein, klein. Nichts für Schräglagenfans. Es sei denn, sie könnten um Ecken sehen. Dem Jaufen ist am meisten Spaß abzugewinnen, wenn man einen sauberen, gleichmäßigen Strich durch sein Kurvengewimmel zieht, wenn man sich zwischendurch die karge Hochgebirgslandschaft ansieht und zumindest auf der Passhöhe einmal anhält. Wegen der bewirtschafteten Berghütte oder des kurz unterhalb des Sattels stehenden Jaufen-Hauses.

Kommt 1.400 Meter tiefer das hübsche St. Leonhard in Sicht, sind die Arme in der Regel lang gezogen, und die Handgelenke spannen. So kommen die vielen Straßencafés in der Heimatstadt des Tiroler Freiheitshelden Andreas Hofer der Sehnsucht nach einer Pause mehr als entgegen. Wer draußen sitzt und sich die Sonnenstrahlen auf die Nase fallen lässt, wird sich über das relativ milde Klima von St. Leonhard wundern. Die Gründe sind seine ringsum von Bergen geschützte Lage sowie die warme, aus dem Etschtal heraufströmende Luft.

Sämtliche Muskeln gelockert? Körper und Geist gesammelt? Prima. Denn was nun kommt, verlangt volle Konzentration. 27 Kilometer lang wieselt die Südrampe des Timmelsjochs von St. Leonhard aus den Berg hinauf. Rund 1.800 Meter Höhenunterschied. Das sind 27 Kilometer voller kleiner und kleinster Kurven. Wie ein Trommelfeuer tauchen sie hintereinander vor dem Lenker auf. Wer sie alle sportlich flott angehen und keinen Meter Bremsweg verschenken will, der hat 27 lange Kilometer vor sich. Runterschalten, verzögern, Maschine umlegen, gasgeben, hochschalten. So geht das pausenlos. Anstrengend, aber irre schön.

Der Belag der italienischen Timmelsjoch-Etappe war früher berüchtigt. Das hat sich geändert. Zwar jagen einem die unbeleuchteten Tunnels auch heute noch ab und zu einen leichten Schrecken ein. Doch im Großen und Ganzen sorgten die Italiener in den letzten Jahren für eine vernünftige Fahrbahndecke. Wobei sie nicht wie die Österreicher auf eine Maut zurückgreifen können, sondern alle Bauarbeiten aus dem Steuersäckel finanzieren müssen.

Das 2.474 Meter hohe Timmelsjoch ist mittlerweile zum Mekka der Alpenfahrer geworden. Wer noch nie auf seinem Sattel stand, dem fortwährend blasenden Wind trotzte und den Blick über die karge Hochgebirgslandschaft schweifen ließ, der war einfach noch nie richtig in den Alpen.

Nach dem obligatorischen Passfoto warten die gut ausgebauten und breiten Kehren der österreichischen Nordrampe. Ihr Belag ist perfekt, ihre Bögen sind rund. Wie gesagt: Die Maut machts. In sauberen Schwüngen kurven wir hinab ins Timmelstal, ein rauhes und einsames Hochtal. Danach folgt ein kurzes Bergaufstück, und schließlich werfen wir uns in die restlichen Spitzkehren, an deren Ende das erste Ortsschild des Drei-Gemeinden-Dorfes Gurgl auftaucht. Ein kurzer Abstecher nach links bringt uns hinüber zur mittleren Etage, genannt Obergurgl. Das traumhaft im Schatten einiger weißer Riesen gelegene Skidorf kam 1931 erstmals in die Schlagzeilen, als der französische Forscher Piccard nach einer Ballonfahrt durch die Stratosphäre auf dem nahen Gurgler Gletscher notlanden musste.

Die nächsten 50 Kilometer entpuppen sich als ein gemächliches Dahinrollen durch das längste Seitental des Inns: das Ötztal. Es ist nur sehr spärlich besiedelt und vermittelt dem Reisenden hervorragend die typische Atmosphäre dieser der Welt entrückten Hochgebirgslandschaften. Kämen nicht hin und wieder schmucke Wintersportorte wie Sölden in Sicht - man würde sich um Hunderte von Jahren zurückversetzt fühlen. Der Tip für Sölden heißt übrigens: Ötztaler Gletscherstraße. Sie zweigt am Ortseingang nach links ab und führt hinauf zum ewigen Eis des Rettenbach-Gletschers.

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