Anzahl der Aufrufe: 3149 Kontrast-Programm Italien · Südtirol/Dolomiten


Diese Tour bewerten Tour erstellt am 23.04.2010

Informationen zur Tour

Aus den Weingärten und Apfelplantagen des Etschtales hinauf in die kahle Felsenwelt von Jaufenpass und Penser Joch.

Wenn eine Tour den Namen Tour der Kontraste verdient, dann die Rundfahrt um die Sarntaler Alpen. Zunächst wegen des Klimas. Im Etschtal zwischen Bozen und Meran herrschen mediterrane Temperaturen, auf den Obstplantagen wachsen dicke, pralle Äpfel. Doch fühlt man sich auf der Flaniermeile von Meran noch wie in Südfrankreich, kann es gut sein, dass man ein paar Stunden später auf dem Jaufenpaß oder dem Penser Joch in über 2.000 Meter Höhe fröstelnd den Kopf zwischen die Schultern zieht.

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Ein weiteres Wechselbad gibt es in puncto Verkehrsdichte. So pulsiert in den touristisch voll erschlossenen Regionen des Etsch- und Passeiertales das moderne Leben, während im Sarntal und Pensertal die totale Abgeschiedenheit herrscht. Die Tagestour rund um die Sarntaler Alpen ist also gleichermaßen etwas für Geist und Gasgriff.

Ausgangspunkt Bozen. Um die oft verstopfte und eher langweilige Umgehungsstraße zu meiden, hält man sich zunächst einfach Richtung Stadtzentrum. Dann folgt man der Ausschilderung Weinstraße und Mendelpass und biegt anschließend auf eine vierspurige Schnellstraße ein. Einen knappen Kilometer weiter zweigt die Route schon wieder ab und fädelt sich in eine bestens ausgebaute Straße ein, die in schönen Bögen die Wein- und Obstplantagen der Region Eppan durchzieht. Noch ist Zeit zum Sightseeing, und man sollte sie nutzen. Denn nach dem Einstieg in die Auffahrt zum Mendelpass klebt der Blick auf dem Asphalt.

Wir gehen den 1.363 Meter hohen Mendelpass erst mal in weichen, schnellen Kehren an. Bis dahin leichtes Spiel. Doch nach ein paar Kilometern meldet sich die Neubautrasse ab, und die alte Paßstraße kommt ins Spiel. Und gleich wird einem klar, dass dieser Mendelpass zu den meist unterschätzten Pässen der Alpen gehört. Nur 1.363 Meter? Da winken die meisten ab und fahren weiter. Doch sie wissen nicht, was sie tun. Der Mendelpass ist nämlich gespickt mit Kurven der feinsten und allerfeinsten Art. Der Höhenunterschied vom Bozener Tal aus beträgt fast 1.000 Meter. Und nicht zu vergessen die phantastische Aussicht von der zum Teil sehr gewagt in den senkrechten Fels gehauenen Fahrbahn.

Während der Fahrt zur Passhöhe dreht sich die Zeit um 30, 40 Jahre zurück. Weder an der Fahrbahn noch an ihren Seitensicherungen ist seit Jahrzehnten viel geändert worden. Schwarzweiß gestrichene Mäuerchen und Steine säumen den Straßenrand und haben in Sachen Sicherung wohl eher symbolischen Charakter.

Der Sattel ist erreicht, und eine regelreche Hotel- und Café-Siedlung bietet sich für einen ersten Stopp an. Was heute kaum mehr zu erahnen ist: Zur Jahrhundertwende war der Mendelpass ein Tourismus-Zentrum der Belle Epoque. Der Erste Weltkrieg brachte den Nobelhotels jedoch den Ruin, und sie wurden abgerissen.

Die folgende Abfahrt ist relativ flach und führt uns ein Stück hinab nach Fondo. Hier biegen wir nach rechts in die Gampenstraße ein, die als breite, gut asphaltierte Strecke peu à peu hinauf zum Gampenjoch führt. Viel Wald, viele Picknick-Plätze, viele einsehbare Kurven - eine Etappe voller Entspannung. Ganz im Geist des Mendelpasses stehen auch hier mit einigen ockergelben Straßenwärterhäusern noch Relikte aus vergangenen Jahrzehnten.

In 1.518 Meter Höhe überquert die Straße das Gampenjoch und sorgt kurz darauf mit Kopfsteinpflaster in einem unbeleuchteten Tunnel für einen leichten Adrenalinstoß. Dann wedelt sie in einer Unzahl von Wechselkurven hinab ins Etschtal und weiter nach Meran. Keine Spitzkehren, sondern ein flüssiges links-rechts, links-rechts. Parallelschwung würden die Skifahrer sagen.

Schon von weitem kündigen sich die riesigen Obstplantagen des Etschtales an. Hauptstadt dieses Apfelreiches ist der idyllisch am Hang gelegene Ort Lana, dessen 8.000 Einwohner vom Ertrag ihrer Früchte mit Sicherheit sehr gut leben. Und sehr gut leben ist das Stichwort für den nächsten Ort auf dem heutigen Roadbook: Meran. Die schmucke Kurstadt strahlt heute immer noch so viel von ihrer k. u. k.-Vergangenheit aus, dass ein Stadtbummel zum lebendigen Ausflug in die Zeit der schneidigen Leutnants und vornehmen Damen wird. Gleich links am Passer-Ufer gibt es einen Parkplatz, von dem aus der Fluss und die Flanierzeile in zwei Minuten zu erreichen sind.

Nach Meran beginnt das Passeiertal oder „Pseirer“, wie die Einheimischen sagen. Wegen seiner Nord-Süd-Lage dient es seit jeher als Fernhandelsweg und ist auch heute noch eine klassische Route von Österreich nach Südtirol. Vorbei an Dorf Tirol, einem der ältesten Orte der ganzen Region, geht es auf breitem, ordentlichem Asphalt in den unteren Teil des Passeiertales hinein. Die Farbe Grün beherrscht das Bild. Das warme Klima des Meraner Beckens läßt hier noch Zypressen und andere Pflanzen aus dem Mittelmeerraum gedeihen. Ein grüner Dschungel klettert auf beiden Seiten des Tales die Berghänge empor.

Die Streckenführung ist entspannt. Weite Bögen, große Radien. Hübsche Dörfer mit bunten Fassaden. Ganz langsam gewinnen wir an Höhe, und allmählich geht der Dschungel in eine Almwiese über. Und immer noch ist alles so grün, grün, grün. Ein optischer Leckerbissen. A pros pos Leckerbissen: In St. Leonhard, am Treffpunkt von Timmelsjoch- und Jaufenstraße, wartet eine geradezu inflationäre Zahl von Cafés. Der ultimative Pausentipp. Denn nirgendwo anders auf dieser Tour kann man besser draußen sitzen, Kaffee und Kuchen bestellen und den nicht endenden Strom von Motorrädern beobachten. Wie gesagt - das Passeiertal ist noch heute eine klassische Reiseroute in die Dolomiten.

Zu viele Kalorienbomben sollte man sich allerdings nicht reinziehen. Denn gleich hinter St. Leonhard lauert der Jaufenpass. Und der verlangt nach möglichst viel Blut im Gehirn. Sofort geht es ans Eingemachte. Steile, schmale Fahrbahn, Serpentine an Serpentine. Dafür ist der Straßenbelag griffig, und es läßt sich herrlich den Hang hinaufwedeln. Mit zunehmender Höhe wird das Sträßchen enger. Und holperiger. Ein stockdunkler Tunnel mit Rechtsknick folgt. Dann wieder Kehren ohne Ende. Die extrem schmale Trasse drückt ganz schön aufs Tempo. Kein heißer Reifen, dafür Kurvenspaß im Großformat. Vom letzten, hochalpinen Stück aus zeigen sich tolle Ausblicke auf die Ötztaler und Stubaier Alpen. Dann taucht die 2.094 Meter hohe Passhöhe auf. Eine einsame Berghütte wartet auf Kundschaft. Sie und das kurz unterhalb des Sattels stehende Jaufen-Haus sind der Tipp für den Kaffee-Stopp mit Aussicht.

Die Abfahrt nach Sterzing entpuppt sich als Spiegelbild der Auffahrt. Enge Fahrbahn, etwas holperig, Kehre an Kehre. Aber: griffiger Belag. Und so wird auf diesen zwölf Kilometern auch noch derjenige bedient, der während des Aufstiegs vielleicht die eine oder andere Kehre vermißt hat. Unten warten in der Ortschaft Kalch noch ein paar nette Cafés, bevor es kurz vor Sterzing rechts in Richtung Penser Joch weitergeht.

Und die folgende Etappe unterscheidet sich doch ganz erheblich von der bisherigen Route. Mit einem Schlag läßt der Verkehr nach. Hin und wieder ein Kollege auf zwei Rädern, ab und zu ein Auto mit einheimischem Kennzeichen. Nein, der Weg über das Penser Joch gehört bestimmt nicht zu den Trampelpfaden des modernen Tourismus. Die große Masse fährt entweder über Brixen oder Meran nach Bozen. Und so bleibt das Penser Joch wohl noch lange Zeit ein Geheimtipp unter den Alpenübergängen. Eine Empfehlung für Ruhesuchende und Naturfans. Schon die großartige Aussicht auf den ersten Kilometern hinab ins Eisacktal ist begeisternd. Der aktuelle Belag liegt noch nicht zu lange auf der 1936 gebauten Straße und macht die Fahrt durch die vielen Kurven zum ungetrübten Erlebnis. Sicher - es gibt spektakulärere Passstrecken. Aber nur wenige sind so rund und harmonisch zu fahren. Das Penser Joch selbst liegt 2.211 Meter hoch in einer totalen Mondlandschaft. Nichts als kahler Fels. Nur ein paar Gipfelkrähen stemmen sich tapfer gegen den rauen Wind.

Hinter dem obligatorischen Pass-Restaurant schweift der Blick weit nach unten, wo sich die Straße allmählich im nun beginnenden Sarntal verliert. Eine entrückte Welt, die sich da auftut. Im Norden äußerst beschwerlich über das Penser Joch zu erreichen und im Süden durch die Sarner Schlucht von Bozen getrennt, war das Tal Jahrhunderte lang eine abgeschlossene Gemeinschaft. Erst gegen 1900 wurde eine Verbindung in den Süden geschaffen. Und auch heute fühlt sich jeder, der das Tal herabfährt, weit weg jeglicher Zivilisation.

Etwa sechs Kilometer hinter dem Ort Sarnthein geht nach links die Straße über den Ritten, den Hausberg Bozens, ab. Diese Strecke ist der direkten Verbindung durch die Tunnels der Sarner Schlucht in jedem Fall vorzuziehen. Der Kurvenspaß auf diesen rund 25 Kilometern ist nämlich ebenso grandios wie die Aussichten.

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