Anzahl der Aufrufe: 2785 Schlossführung Deutschland · Münsterland


Diese Tour bewerten Tour erstellt am 23.04.2010

Informationen zur Tour

Ganz drüben im Westen des Münsterlandes gelegen, gilt die Region um die Kreishauptstadt Borken als ein wenig rückständig. Und das will im ohnehin nicht vom Fortschritt überrollten Münsterland etwas heißen. Industrie und Gewerbe halten sich in Grenzregionen naturgemäß zurück, der klassische Schlösser-Tourismus spielt sich weiter östlich ab. Was bleibt sind Städte, Dörfer und Adelssitze, in denen das ganz normale Leben gelebt wird. Ein einfaches Leben, das für den Besucher aber den Vorteil hat, dass es ihm unverfälscht gegenübertritt. Hier fallen sonntags keine Touristenbusse ein, hier managt der Baron sein Schlosshotel noch selbst, hier fährt die Gräfin die Gülle auf die Felder.

Motorradfahrerisch liegt der Reiz dieser Gegend in ihren vielen kleinen Straßen. Oft mit Kurven versehen, mitunter ziemlich holperig. Der Clou: Immer wieder sind sie dermaßen mit Grünzeug be- und überwachsen, dass man sich darin vorkommt wie in einem grünen Tunnel. Die 165 Kilometer lange Tagestour ist also beides: Eine Herausforderung fürs Auge und für den Gasgriff. Den exotischen Akzent setzt ein Abstecher hinüber nach Holland, wo eine Art Puppenstube auf uns wartet.

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Einen passenderen Ausgangspunkt für die Tour als Schloss Velen gibt es nicht. Denn nirgendwo anders im Münsterland wird deutlicher, wie schwierig es ist, altes Kulturgut am Leben zu erhalten. Die Anlage stammt ursprünglich aus dem 13. Jahrhundert, wurde im Laufe der Epochen immer wieder umgebaut, zerstört und wieder aufgebaut und gehört seit 1765 dem adligen Geschlecht derer von Landsberg-Velen. In den vergangenen Jahrzehnten diente das Schloss unter anderem als Altersheim und Bundeszollschule, heute beherbergt es ein komfortables Sporthotel.

Sein Besitzer, Baron von Landsberg-Velen, stand nach dem 2. Weltkrieg vor der Aufgabe, die immensen laufenden Kosten einer mittelalterlichen Schlossanlage aus eigener Tasche finanzieren zu müssen. Leibeigenschaft und Zehnt-Steuer gab es leider nicht mehr, die Verpachtung der umliegenden Wälder und Felder brachte kaum etwas ein. So musste das Schloss selbst als Geldquelle herhalten. Mit dem Umbau zum Sporthotel vor rund 15 Jahren hatte der Baron einen guten Riecher. Das Geschäft läuft, die Gäste sind zufrieden, die Einwohner Velens kommen Sonntag morgens zum Brunch, und der Landeskonservator freut sich über den perfekten Erhaltungszustand des Schlosses.

Der Name Velen deutet auf den Waldreichtum des Gebietes hin. Deshalb ist ein Spaziergang durch den wunderschönen Schlosspark Pflicht. Das Bike parkt entweder auf dem Hotelparkplatz oder auf dem der Orangerie, die die Bevölkerung wegen ihrer beiden Stockwerke die »Zitronenburg« nennt. Dann schlendert man gemächlich zwischen hohen Eichen hindurch, füttert die im Wassergraben schwimmenden Enten oder setzt sich zum Frühstück auf die Stühle des Gartencafés.

Wir verlassen Velen in Richtung Reken. Die breite Straße mit ihren lang gezogenen Bögen kommt der morgendlichen Trägheit entgegen. Voller Bauch studiert ja bekanntlich nicht gern und fährt auch nicht gern Kurven. Am Kreisverkehr von Reken geradeaus weiter in Richtung Dorsten. Die paar Kilometer bis zum Abzweig Klein Reken sind flott zurückgelegt. Jetzt wird es interessant: Eng, holperig und kurvenreich huscht das Sträßchen durch Wald und Wiesen. Es unterquert die Bahntrasse und biegt in Klein Reken rechts nach Sythen ab. Wieder Kurven, wieder Bäume und Felder. Die Radien werden enger.

Am nächsten Abzweig geradeaus der Beschilderung Lippramsdorf folgen. Alle Sensoren auf Empfang, denn nun folgt der erste der berühmten grünen Tunnels dieser Runde. Und gleichzeitig wohl auch der schönste. Rund sechs Kilometer lang dauert die Fahrt unter dem grünen Dach. Sechs Kilometer voller Emotionen. Regenwald, Dschungel, ein anderer Kontinent. Man fühlt sich so weit weg von Deutschland.

Hinter Wulfen wartet das Schild zum Schloss Lembeck. Und gleich wirft sich der nächste Tunnel vor das Vorderrad. Nicht ganz so dicht wie der erste, aber ganz ansehnlich. Der Asphalt ist schmal und unruhig, das Tempolimit 50 jedoch stark übertrieben. 70 Sachen verträgt die Strecke locker. Man muss nur aufpassen, falls sich ein Trecker etwas zu breit macht.

Die Einfahrt nach Schloss Lembeck biegt links ab. Ein geräumiger Parkplatz, daneben ein nettes Café (Dienstag Ruhetag). Ein schönes Plätzchen, um sich Schloss Lembeck in Ruhe anzusehen. Merkmal der von ausgedehnten Gräften, den Wassergräben, umgebenen Anlage ist die so genannte durchdringende Achse. Schon weit vor der Anlage beginnt eine Allee, durchstößt die Vorburg, überquert den Schlosshof, unterquert die Hauptburg, setzt sich dahinter in einem heute nicht mehr bestehenden Park fort und verliert sich schließlich in den herrschaftlichen Wäldern. Der Reiz dieser Architektur liegt darin, dass sie dem Auge eine immense Weitläufigkeit vorspiegelt. Gerade das flache Münsterland eignete sich hervorragend dafür. Pate standen französische Barockschlösser.

Wer den kleinen Eintritt bezahlt und Schloss Lembeck zu Fuß erkundet, hat gute Chancen, den blaublütigen Eigentümern zu begegnen. Diese bewirtschaften ihren Besitz wie ein ganz normales landwirtschaftliches Gut. Und genauso normal verhalten sie sich: Der Graf von Merveldt mäht die Wiese, seine Frau donnert am Steuer eines Traktors mit Güllewagen im Schlepp über die Zugbrücke. Wie im richtigen Leben.

Im Ort Lembeck ist nach links Rhade ausgeschildert. Ein schmales, ordentlich asphaltiertes Sträßchen führt dorthin. Wie die meisten seiner Pendants hier im münsterländischen Westen ist es von Alleenbäumen gesäumt. Meist Eichen und Buchen, selten Birken. Vor Erle nehmen wir für einen Moment die B 224 nach Raesfeld. Dort am Kreisverkehr weiter Richtung Heiden. Oder eine Stippvisite zum Schloss? Egal – so oder so landen wir auf griffigem und übersichtlichem Asphalt, der dem Ort Heiden entgegenschwingt. Hamaland nennt sich die Region. Der Name ist alt und geht auf das Mittelalter zurück. Die Sachsen nannten damals so ihren an der Grenze zu den Niederlanden gelegenen Gau. In jüngster Zeit entdeckten Fremdenverkehrsleute das Hamaland und verpassten ihm eine Touristikstraße, die allerdings nur bruchstückhaft ausgeschildert ist.

Nach abwechselnd langsamen und schnellen Passagen visiert die Route den Kern von Borken an. Auf einer Brücke geht es über den Stadtbach, wo ein hübscher Blick nach rechts zum mittelalterlichen Torturm wartet. Dann taucht auch schon die Fußgängerzone mit davor liegendem Parkplatz auf. 50 Meter zu Fuß, und man steht vor dem Rathaus der auf einen sächsischen Haupthof zurückgehenden Kreisstadt. Anlaufstelle Nummer zwei in Borken ist Schloss Gemen. Wie bei den meisten münsterländer Burgen haben auch am Wasserschloss von Gemen diverse Stilepochen ihre Spuren hinterlassen. Eng drängen sich seine Mauern auf der Insel der Hauptburg zusammen und verdeutlichen den eher militärischen Charakter der Anlage. Eine gute Verteidigung war seinerzeit auch nötig, da den Schlossherren immer wieder neidische Adelskollegen und Bischöfe auf den Pelz rückten.

Die B 67 führt uns in Richtung Rhede/Bocholt aus der Stadt hinaus, bis ein Wegweiser mit der Aufschrift Vardingholt eine zügige Landetappe einleitet. Gute Übersicht, wechselnde Kurvenradien, griffiger Belag, kaum Verkehr, jede Menge Fahrspaß. Steht der Mais hoch, ist an den Einmündungen zu den Bauernhöfen etwas Vorsicht geboten. Man weiß ja nie.

In Barlo ist das holländische Städtchen Winterswijk beschildert. Eine kurze, kurvenreiche Passage folgt, dann empfängt uns der EU-Partner. Wie abgeschnitten die Straße. Von einem Meter auf den anderen verengt sie sich und wird so rau wie ein Kiesbett. Unmittelbar nach dem Grenzschild zweigt links ein asphaltierter Waldweg ab. Das Schild ist nur von der anderen Seite aus zu lesen. Macht nichts. Wir setzen den Blinker und rollen von nun an auf der »Slinge Route«, wie die Hamaland-Straße auf Holländisch heißt. Dichter Laubwald umgibt uns. Sonnenstrahlen tanzen auf dem groben Asphalt hin und her und malen verwirrende Licht- und Schattenspiele in die Landschaft. Der Welt völlig entrückt, rollen wir durch ein Naturidyll, das direkt einer Märklin-Modelleisenbahn zu entstammen scheint. So etwas wäre in Deutschland durch die bekannten runden Verbotsschilder doppelt und dreifach vor dem Zugriff des automobilen Bürgers geschützt. Andere Länder, andere Sitten. Gott sei Dank.

Der Slinge-Route folgend, erreichen wir Aalten. Einen Ort mit rotem Straßenpflaster und Märklin-Häusern. Dort biegen wir auf die N 318 ein und dürfen das Motorrad auf 80 Stundenkilometer beschleunigen. Für holländische Verhältnisse ist das schnell. Aufgelockerte Alleenbäume fliegen vorüber. Parallel zur Nationalstraße verläuft ein Radweg. Ebenfalls zweispurig und ebenfalls mit Kreuzungen, Richtungs- und Abbiegepfeilen ausgestattet. Der Stellenwert der »Fietsen« ist unverkennbar hoch.

Die Wegweiser nach Vreden führen uns um Winterswijk herum auf eine – na was wohl? – Allee. Genau. Zehn Kilometer lang und schmaler als schmal. Schon ohne die obligatorischen Radwege links und rechts quetschen sich zwei Autos gerade so aneinander vorbei. Addiert sich ein Radler dazu, benötigen alle Teilnehmer eiserne Nerven und Geduld. Lohn der Anstrengung ist ein unvergleichliches Naturerlebnis, wie man es sonst wohl nirgendwo findet.

In Vreden hat uns der verkehrstechnische Alltag wieder. Wir steuern in die Stadt hinein auf die Fußgängerzone zu, umfahren diese rechter Hand und gelangen in eine verkehrsberuhigte Zone.

Über Stadtlohn und seine Töpfereien erreicht die Route auf schnellen, unspektakulären Landstraßen die Glockengießerstadt Gescher. Wer wissen will, wie Glocken hergestellt werden und was es für verschiedene Arten gibt, erfährt das im Glockenmuseum. Die Öffnungszeiten: Dienstag bis Samstag 10.00 bis 12.00 Uhr und 15.00 bis 17.00 Uhr, Sonntag 10.00 bis 12.00 Uhr.

Die Hauptausfallstraße aus Gescher hinaus bringt uns direkt zum bekanntesten Motorradtreff im Münsterland: zum Route 67. Das große helle Gebäude steht direkt an der Kreuzung der beiden Straßen nach Velen und Reken. Täglich geöffnet, ist das Route 67 quasi das Mekka der Biker aus der nahen und fernen Umgebung. Sind während der Woche die münsterländer Kennzeichen meist unter sich, beherrschen am Wochenende die Tafeln aus dem Ruhrgebiet den Parkplatz. Von der großen Aussichtsterrasse hat man einen perfekten Blick auf Technik und Verkehrsgeschehen und sieht entspannt dem Ende der Tour entgegen.

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