Anzahl der Aufrufe: 2072 Tour de Kultur Deutschland · Odenwald
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Tour erstellt am 23.04.2010
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Während des Römischen Reiches war die Bergregion zwischen Main und Neckar ein fast undurchdringlicher Urwald, der wegen des schwierigen Bodens und des rauen Klimas wenig fruchtbar schien. Ihre Weinhänge und Villen im Westen schützten die Eroberer gegen die einheimischen Barbarenstämme im Osten mit einem Befestigungswall. Doch auch wenn bis in unsere Tage die Odenwälder gerne schmunzelnd mit der alten Charakterisierung vom »räuberischen Bergvolk« bedacht werden, so haben sich doch unter den Grafen des Hauses Erbach-Erbach soziale und wirtschaftliche Strukturen entwickelt, die bis heute vorbildlich sind. Andere Heldentaten haben sogar Eingang in die Weltliteratur gefunden. Wir kurven deshalb durch das offene Herz des Odenwaldes.
Seine Westhänge erreichen wir leicht über die Autobahnen A 67 und A 5. Und bereits die Festspielstadt Heppenheim empfängt den Tourenfahrer unterhalb ihres Wahrzeichens, der Starkenburg aus dem 11. Jahrhundert, mit reichlich Kultur. Ein mittelalterliches Zentrum schart sich um den Marktplatz mit seinen Fachwerkhäusern, an seiner Stirnseite das prächtige Rathaus. In der Löwenapotheke hatte der berühmte Chemiker Justus Liebig 1818 seine Ausbildung begonnen, und im ehemaligen Haus des jüdischen Philosophen Martin Buber ist heute der Weltsitz des Internationalen Rates der Juden und Christen. Die St. Peterskirche bezeichnet man wegen ihrer Architektur gerne als den »Dom der Bergstraße«. Von Heppenheim gingen Impulse für unsere Demokratie aus: Bereits im Jahr 1847 hatten hier Liberale für Deutschland eine konstitutionelle Monarchie gefordert, und 1948 formte sich an gleicher Stelle die Freie Demokratische Partei, deren Gründer das heutige Grundgesetz prägten.
Seine Westhänge erreichen wir leicht über die Autobahnen A 67 und A 5. Und bereits die Festspielstadt Heppenheim empfängt den Tourenfahrer unterhalb ihres Wahrzeichens, der Starkenburg aus dem 11. Jahrhundert, mit reichlich Kultur. Ein mittelalterliches Zentrum schart sich um den Marktplatz mit seinen Fachwerkhäusern, an seiner Stirnseite das prächtige Rathaus. In der Löwenapotheke hatte der berühmte Chemiker Justus Liebig 1818 seine Ausbildung begonnen, und im ehemaligen Haus des jüdischen Philosophen Martin Buber ist heute der Weltsitz des Internationalen Rates der Juden und Christen. Die St. Peterskirche bezeichnet man wegen ihrer Architektur gerne als den »Dom der Bergstraße«. Von Heppenheim gingen Impulse für unsere Demokratie aus: Bereits im Jahr 1847 hatten hier Liberale für Deutschland eine konstitutionelle Monarchie gefordert, und 1948 formte sich an gleicher Stelle die Freie Demokratische Partei, deren Gründer das heutige Grundgesetz prägten.
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Rot: Partnerhäuser in der NäheEine ganz andere Geschichte erzählt das Lied der Nibelungen, die uns mit ihrem Helden Siegfried fast auf der ganzen Fahrt begleiten. Tragen doch die beiden Achsen unserer Bildungsreise die Namen Siegfriedstraße und Nibelungenstraße, die im Wesentlichen den literarischen Spuren des Burgundervolkes folgen. Die Siegfriedstraße verläuft auf der bisweilen stark frequentierten B 460, die ab Fürth auch Teilstück der Deutschen Fachwerkstraße ist. Im Mossautal soll in der heutigen Gemeinde Hüttenthal der sagenhafte Siegfried durch Hagen von Tronjes Speer am Lindelbrunnen ermordet worden sein. Diesen mörderischen Ort nimmt interessanterweise auch das wenige Kilometer entfernte Grasellenbach mit seinem Siegfriedbrunnen in Anspruch.
Wir wollen aber nicht streiten, sondern lieber Gleichgesinnte treffen. Und zwar inmitten eines grünen Tals am Marbach Stausee, einer der größten Wasserflächen des Odenwaldes, die für Wassersportler wie für Motorradfahrer ein bekannter Treffpunkt ist. Deren Gesprächsthema sind nicht selten die Zeiten des Krähbergrennens. Die frühere Bergrennstrecke liegt links der B 45 nach Eberbach, von wo aus sich der Himbächel-Viadukt bestaunen lässt. Die 1876 aus Odenwälder Sandstein errichtete Brücke dient bis heute unverändert dem Schienenverkehr, der gleich danach in den Krähberg-Tunnel mündet, dem längsten eingleisigen Tunnel Deutschlands. Wir aber wollen nicht durch, sondern über den Krähberg, auf dessen Spitze das gleichnamige feudale Schloss thront.
Die Ausschilderung zum Hesseneck leitet uns direkt ins enge Kurvenlabyrinth, in dem wir uns insgesamt 15 Kilometer lang schwindlig fahren können. Zunächst zügig hinauf bis über 500 Meter Höhe, bevor es in leichtem Gefälle wieder 300 Meter tiefer geht. In Schöllenbach lohnt ein Boxenstopp, denn die vom Erbacher Schenken Philipp IV. erbaute und 1465 geweihte Kirche ist eine viel besuchte Wallfahrtsstätte. Unter der Kirchhofsmauer sprudelt eine Quelle, die früher als Heilquelle diente. Wir müssen uns heute an anderen Quellen laben und setzen deshalb unseren Weg nach Kailbach fort. Denn dort haben wir gleich doppelte Gelegenheit zur Stärkung: Einmal liegt an der Einmündung das Café Hill Up von »Eddi Edelstahl«, der die gesamte Einrichtung aus dem nicht rostenden Metall selbst gefertigt hat. Und daneben das gemütliche Gasthaus Waldeslust, in dem der Motorradfahrer fast im Wohnzimmer zu selbstgemachten Gerichten greifen kann. Draußen sitzen und die unzähligen Bikes bewundern darf man hier wie dort.
Nach der Rast kurven wir wieder bergauf, ein Stück der Siegfriedstraße folgend, bis wir links nach Hesselbach einbiegen. Diese schmale Waldstraße gibt nicht nur grandiose Blicke über steil abfallende Hänge frei, sondern führt auch entlang des ehemaligen Limes. Die Zeugen dieses römischen Grenzwalles stehen nicht selten direkt am Weg und können selbst in Motorradmontur leicht aufgesucht werden. So lässt sich noch vor Hesselbach das Fundament eines Wachturmes am Kurvenrand erspähen. Im Ort selbst finden sich dann die Überreste eines Kastells. Um dem Limes weiter zu folgen, müssen wir uns an der ersten Einmündung rechts halten, denn der Straßenverlauf ist nicht beschildert. Dafür aber ein kleiner Wanderweg zum Dreiländerstein, der das Zusammentreffen der Grenzen von Hessen, Bayern und Baden-Württemberg markiert.
Sehr ländlich geht es hier zu. Der kaum befahrene Höhenweg legt sich über saftige Wiesen, schlängelt sich unter Obstbäumen durch und verschwindet schließlich im dichten Wald. Dort findet sich neben exakt rekonstruierten Abschnitten römischer Palisaden und Wachtürmen eine Fürstliche Schwarzwildfütterung. Wildschweine und Römer im tiefen Wald – fehlt eigentlich nur noch, dass uns auf diesem Pfad Asterix und Obelix begegnen. Aber wir befinden uns ja bei den Goten, und den Weg säumen keine heimtückischen Fallen. Er ist tadellos bis Würzberg fahrbar, wo die Fundamente eines weiteren Kastells und einer Badeanlage zu sehen sind.
Rechts ab rollen wir durch die Ansiedlung Breitenbuch, wo die unter Schutz gestellte schönste Hainbuche des Odenwaldes steht. Sie ist 300 Jahre alt und hat einen Kronendurchmesser von über 20 Metern. Nach Watterbach laufen wir in Kirchzell ein, das auf eine 1200-jährige Geschichte blickt. Gegründet von der Benediktinerabtei Amorbach, geriet die Gemeinde zusammen mit der Abtei 1168 unter die Herrschaft der Herren von Dürn. Das Fürstengeschlecht errichtete am Preunschener Berg die Burg Wildenburg, ein Glanzstück der Hohenstaufenzeit, von der nur noch die Ruine kündet. Als die Adelsfamilie etwas klamm war, verkaufte sie ihre Ländereien an den Erzbischof von Mainz. Über 500 Jahre mussten die Kirchzeller warten, bis sie unter die Regentschaft des Fürstenhauses zu Leiningen kamen und so wieder zu Amorbach gehörten, wohin wir jetzt steuern.
In diesem altfränkischen Barockstädtchen bestechen die Klostergebäude aus dem 18. Jahrhundert durch ihre Rokoko-Ausschmückung, die von den besten Künstlern der damaligen Zeit geschaffen wurde. Die Barockorgel ist eine der größten Europas, und für die Fürstlich Leiningenschen Konzerte muss man frühzeitig Karten bestellen (Fon 09373/ 971545, Fax 971560). Nicht weniger interessant ist Europas größte Teekannensammlung (Wolkmannstraße, April bis Oktober, Dienstag bis Sonntag 11.00 bis 18.00 Uhr).
Wir drehen nun ab und ziehen über die Nibelungenstraße Richtung Michelstadt zur Schmalebene hinauf. In einem flotten Reigen folgt Kurve auf Kurve, bis hinter dem Wald eine weite Ebene wartet, über die der Asphalt in langen Geraden und zwei schnellen Biegungen wieder ins Gehölz mündet. Am Jagdschloss Eulbach machen wir erste Bekanntschaft mit dem Grafen Franz I. von Erbach. Der letzte Souverän der Grafschaft errichtete den Bau 1770 und ließ den Wildpark und den Englischen Garten mit antiker Kunst der Öffentlichkeit zugänglich. Den Besuch der kunsthistorischen Sammlung in seinem Erbacher Schloss erlaubte der sozial engagierte Graf ebenso. Ganz fortschrittlich richtete er schon 1786 eine Alimentenkasse für Witwen und Waisen ein, finanzierte den Bau von Straßen über eine Chausseekasse und stiftete Geld für die Schulen direkt aus seiner Schatulle. Zur Förderung der Landwirtschaft ließ Franz I. kostenlos Samen und Düngemittel an die Bauern verteilen. Um seine Untertanen aus der Schuldenfalle zu erlösen, gründete er die Sparkasse.
Nach dem Studium erlernte der junge Graf das Drechslerhandwerk und richtete in seinem Schloss eine Werkstatt für Elfenbeinschnitzerei ein. Am 2. Oktober 1783 präsentierte er seine selbst gefertigten Arbeiten und brachte damit ein Gewerbe in die arme Gegend, das inzwischen weltberühmt ist. Den Elfenbeinschnitzern, die heute mit Mammutzähnen und der Elfenbeinnuss arbeiten, kann man im Deutschen Elfenbeinmuseum bei der Arbeit zusehen (täglich 10.00 bis 17.00 Uhr).
Architektonisch ist die Kreisstadt Erbach längst mit Michelstadt verwachsen, dessen Zentrum wegen seines ungewöhnlichen Fachwerkrathauses jedoch bekannter ist. Neben einer Kaffeepause lohnt dort der Besuch des Odenwaldmuseums (Dienstag bis Sonntag, 10.00 bis 12.30 Uhr und 14.00 bis 17.00 Uhr) und des Motorradmuseums (Mai bis September, Samstag und Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr).
Weiter geht es auf der B 47 in Richtung Worms. In flotten Biegungen passieren wir den Morsberg und stoßen die Serpentinen hinunter ins Gersprenztal, wo wir links durch Reichelsheim fahren und vorbei an Schloss Reichenberg nach vielen Windungen in Lindenfels eintreffen. Außerhalb des Kurortes erlaubt die Nibelungenstraße mehrere wunderbare Ausblicke auf die Burgruine Lindenfels und die gesamte Bergregion. Um aber nicht durchgehend diese Schlagader zu nutzen, schlagen wir dem Verkehr ein Schnippchen und biegen ausgangs Gadernheim rechts nach Brandau ab. Dort halten wir uns links, bis wir am Ende der Geraden erneut links ab über Hoxhohl, Schmal Beerbach und Wurzelbach über den Felsberg kommen. Unmittelbar hinter der S-Kurve ins Tal biegen wir links auf den Privatweg zum ausgeschilderten »Felsenmeer« ins Dunkel des Waldes ab. Wie von Riesenhand geschaffen, erstreckt sich dort ein Meer aus Findlingen aller Größen über drei Kilometer hinunter ins Lautertal. Die römischen Steinmetze nutzten die Felsen für ihre Kunst, und noch heute lässt sich ihre Sprengtechnik erkennen. Eine Attraktion ist ihre begonnene Riesensäule.
Zurück auf unserer Route biegen wir bei nächster Gelegenheit nach Bensheim-Auerbach ab, denn dort gehen wir mit dem Hessischen Kurfürsten zur Kur. Den heutigen Staatspark Fürstenlager begann Landgraf Ludwig VIII. von Hessen-Darmstadt 1766, Großherzog Ludwig I. beendete ihn 1807. Die Herrschaften sehnten sich nach dem einfachen Landleben und legten um einen großen Brunnen ein kleines Erholungsdorf mit schlichten Gebäuden an. Diesen ursprünglichen Charakter hat sich Fürstenlager bis heute bewahrt. Es ähnelt in seinem Grundriss und seiner Architektur einem südfranzösischen Straßendorf. Zu bescheiden ist Fürstenlager aber dank Pavillons, Tempel sowie exotischer Pflanzen dann doch nicht, und von der kurfürstlichen Konditorei haben wir heute noch etwas.
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